Tribute to Django Reinhardt

Text von Reinhard Köchl Zeitschrift SCALA/ alles über Klassik&Jazz. Hot Club News Django Reinhardt Gypsy Jazz Augsburg Paris

Gibt es einen spezifischen europäischen Jazz? Während sich Experten schon über die bloße Berechtigung dieser Frage immer wieder trefflich in die Haare geraten, steht die Antwort darauf längst fest. Ein stattlicher Musiker mit schwarzem Menjou-Bärtchen auf der Oberlippe, seltsam deformierter linker Hand und einem Gestus von verblichenem Adel, Grandezza und attraktiver Männlichkeit lieferte die Antwort vor mehr als sechs Jahrzehnten.

django.gifDjango Reinhardt kreierte auf der Gitarre einen neuen Stil, der dem bis dato völlig unterentwickelten Selbstbewusstsein der Alten Welt gegenüber dem amerikanischen Swing-Mutterland entscheidend auf die Sprünge half. Die Menschen in Übersee hielten die schillernde Gestalt für einen Franzosen, tatsächlich war Django jedoch ein Roma. Genauer gesagt ein Manouche, Mitglied einer deutschstämmigen Zigeunersippe, die von Ort zu Ort zog, in Wohnwagen und nach ihren eigenen Regeln lebte. Die Wertvorstellungen der bürgerlichen Gesellschaft waren ihr jedoch nahezu fremd.

Aus diesem besonderen sozialen Umfeld heraus entwickelte sich das Genie des Jean Baptiste "Django" Reinhardt. Seine Gier nach Freiheit drängte überall und zu jeder Zeit nach Entfaltung, schien an keine Stile gebunden und brachte gerade deshalb Improvisationen von konkurrenzloser Virtuosität hervor. Dieses Genie schenkte der Jazzlandschaft eine völlig untypische Figur, ein Naturphänomen mit absolutem Gehör und einem unerschöpflichen Reservoir an Melodien, dessen Musik sich kaum mit den gängigen, engen Normen des Jazz beschreiben ließ, sondern höchstens mit seinem eigenen Namen.

hcdf-1938-England-Tour.jpgDjango spielte Django und sonst gar nichts. Dennoch hinterließ der am 23. Januar 1910 im belgischen Winterquartier seiner Familie als Sohn einer Tänzerin und eines Musikers geborene "Drei-Finger-Zauberer" tiefe Spuren in der gesamten Jazzlandschaft. Sein fulminantes Oktavspiel etwa übernahm Wes Montgomery in den 60ern und erlangte damit Berühmtheit, und der Avantgardist Ornette Coleman pries die scheinbare Mühelosigkeit von Django Reinhardts spontaner Melodiebildung als "reine Musik, nicht nur Form". In der Fachbibel" The Jazz Guitar - Its Evolution And Its Players" steht Reinhardt als einziger Nicht-Amerikaner in der Rubrik "Wichtigste Neuerer".

Der Pianist des Modern Jazz Quartet, John Lewis, setzte ihm 1953 unter dem Eindruck der Todesnachricht mit der Komposition "Django" ein musikalisches Denkmal. Selbst die stets kritischen Fachjournalisten beriefen ihn 1971 in die "Hall Of Fame" des Jazz. Seine Rolle als stilbildender Musiker war jedoch auch heftig umstritten. Jazz-Experten leugneten die Einflüsse des stolzen Roma oder schwächten sie ab. Man bezichtigte ihn, lediglich seinen berühmten amerikanischen Zeitgenossen Charlie Christian zu kopieren. Kritikerpapst Leonard Feather hielt ihm sogar vor, seine Musik klinge "klobig", er serviere typisch belanglose französische Tanz- und Tee-Musette, zu der man entspannt flirten, herumhängen oder parlieren könne. Es sei eben nicht genug, schrieb der einflussreiche Jazzimpresario Irving Mills 1935 im "Melody Maker", wenn einer nur gut spiele und es an Gentlemanship fehlen ließe. Amerika mochte also diesen .'wilden, unangepassten Feuerkopf nicht, während ihn das europäische Publikum über alle Maßen verehrte.

Bebop.jpgEs prallten nicht nur im metaphorischen Sinn zwei Welten auf- einander: Hier das ganz konventionelle, in strengen Regeln verlaufende Jazzbusiness der 40er Jahre, in dem ein Musiker noch schwarz sein und sich auf dem Weg nach oben durchboxen musste, dort ein weißer Bohemien aus Frankreich, der sich selbst genug war. Djangos Gesetz bedeutete Freiheit um jeden Preis und damit auch Sprunghaftigkeit, Unzuverlässigkeit sowie erfrischende Einfalt. Er spielte Billard, pokerte oder würfelte, wenn ihm der Sinn danach stand, um horrende Beträge, hatte viele Affären mit Frauen und schmiss reihenweise Auftrittstermine, darunter 1946 sogar sein zweites New Yorker Carnegie-Hall-Konzert mit Duke Ellington. Der Gitarrist hatte im Gespräch mit dem französischen Box-Champion Marcel Cerdan in der Hotellounge einfach die Zeit vergessen.

Django war launisch, herrisch, egozentrisch, niemals ein Gebender, sondern stets ein Fordernder. Seine Mitspieler behandelte der Egomane über all die Jahre hinweg fast nur wie billige Staffage oder Kofferträger, bezahlte sie mit Hungerlöhnen, kam und ging, wann immer es ihm passte, oder ließ sie einfach sitzen- Selbst seinen Bruder Joseph verprügelte er in der Neujahrsnacht 1937, weil er es gewagt hatte, aufzubegehren: Er wolle für Django nicht mehr länger die "zweite Gitarre" spielen.

Die Devise des Überfliegers lautete: alles oder nichts. Auf dieser Basis verhandelte er auch seine Auftrittsgagen hohe Wahnsinnssummen, die zuerst aus purer Naivität und später aus cleverer Berechnung entstanden. Können und Ruhm waren ihm offenbar zu Kopf gestiegen, versetzten ihn in den Glauben, er sei allen überlegen, er könne es mit jeder Situation aufnehmen. Diese Selbstsicht prägte auch sein Erscheinungsbild. Vom Scheitel bis zur Sohle ein modebewusster Schönling, liebte Django helle Anzüge, kostbare Seidenhalstücher und breitkrempige Hüte. Er fuhr die modernsten und schnellsten Sportwagen seiner Zeit und blieb damit stets das abenteuer- suchende Zigeunerkind, das mit seinem Gitarren-Spiel zwar Schule machte, aber selbst nur einen Tag lang die Schule besucht hatte. Jede Art von Regeln und Verfügungen versetzte ihn in panische Angst, weil sie seine Kunst einzuengen drohten. Pässe, Visa, Führer- scheine oder Verträge lehnte er rigoros ab, denn er konnte sie nicht lesen.

Der Fahrensmann hasste die penible Ordnung von Hotelzimmern und verwandelte diese auf Tourneen regelmäßig in wilde Lager. Manch- mal zerkleinerten er und seine Frau Naguine sogar das Mobiliar und entfachten mit dem Kleinholz mitten in einer Nobel-Absteige ein Feuerchen. Wohl und sicher fühlte er sich vor allem im Schutz des Clans und der romantischen Wohnwagen-Trutzburgen. Baute sich dagegen das von striktem Leistungsgedanken und puritanischer Moral geprägte Leben der bürgerlichen Gesellschaft mit aller Macht vor ihm auf, begann die ehedem strahlende Fassade jäh Zu bröckeln. Seine Kunst zwang Django Reinhardt jedoch immer wieder aus der Vertrautheit ins unbekannte, fremde Leben hinaus, forderte schemenhafte Anpassungen und sorgte für Konflikte und Probleme. Mehr als einmal stolperte der Musiker in eine tiefe Krise, weil er bei seinen Konzertreisen die Wertschätzung und Vertrautheit durch seinen Clan nicht wieder- fand. Wenn bei Bühnenansagen oder auf Plakaten sein Name versehentlich vergessen wurde, entfesselte das eine Tragödie.

Als er 1946 ohne Gitarre und Gepäck in New York landete, ihn dort aber kaum jemand zur Kenntnis nahm, verstand er die Welt nicht mehr. Er, der epochale Künstler, hatte erwartet, mit Prunk und Gloria gefeiert und von US-Gitarrenbauern reich mit Instrumenten beschenkt zu werden. Statt dessen gab es reservierte bis negative Kritiken. Amerika verletzte Djangos sensible Seele zutiefst, es wurde zur größten Enttäuschung seines Lebens. Dass dieser majestätisch auftretende und doch so extrem sensible Musiker - Überhaupt Karriere machen konnte, lag nur an einem Mann: Stephane Grappelli. 1932 lernte Django den Violinisten, der sich damals noch Grappely schrieb, im Pariser Club "Croix du Sud" kennen und schätzen. Beide gründeten zwei Jahre später das legendäre "Quintette du Hotclub de France" , das erste reine Saitenensemble der Jazzgeschichte, und feierten mit ihrer Mischung aus Swing, Musette und Zigeunerfolklore spektakuläre Erfolge.

Sie trafen Louis Armstrong, Coleman Hawkins, Benny Carter, Bill Coleman und Duke Ellington. Von der schicksalhaften, mitnichten konfliktfrei verlaufenden Männerfreundschaft profitierten beide nicht nur wegen des phänomenalen Erfolges. Grappelli brachte dem Analphabeten Reinhardt bei, wenigstens seinen Namen zu schreiben und nur ansatzweise kultiviert aufzutreten, kümmerte sich um die Geschäfte und stand für Seriosität. Reinhardt wiederum ließ den feingeistigen, gebildeten Grappelli dafür ein wenig an jener enthemmten Wildheit und Anarchie schnuppern, nach der sich arrivierte Persönlichkeiten insgeheim immer wieder sehnen: Das klassische Savoir Vivre im Spannungsfeld zweier Charaktere, wie sie konträrer kaum hätten sein können. Und dennoch respektierten sich beide.

hcdf-1938-England-Tour.jpgGrappelli, der einzige Nicht-Roma, dem Django je Vertrauen schenkte, schrieb über seine Beziehung zu ihm: "Er war mein Freund. Immer wenn ein Gitarrist heute sein Instrument zur Hand nimmt, hat sein Spiel immer auch ein wenig von Django. Ich weiß es, ich höre es." Als Grappelli 1939 während einer Tournee in England blieb, verlor Reinhardt den Halt. In dieser dunklen Zeit komponierte er sein bekanntestes Werk: .Nuages", eine Ballade voller Sehnsucht und Träume. Beim Wiedersehen nach der Befreiung von Paris 1944 fiel sich das ungleiche Duo weinend in die Arme und intonierte auf der Steile eine swingende Version der Marseillaise.

Fortan gab Django zusammen mit seiner heimlichen Vaterfigur wieder Konzerte, nahm hinreißende Platten auf, gewann die verloren geglaubte Gunst des Publikums zurück und versuchte sich den geänderten Bedürfnissen anzupassen, indem er elektrische Gitarren ausprobierte.

Doch der Zeitgeist drohte ihn langsam aber sicher zu verschlucken. Jüngere, intellektuelle Musiker importierten den Bebop nach Frankreich und ließen den keineswegs alten Hot Club-Heroen verständnislos links liegen. Django wusste um die Kraft und Bedeutung dieses revolutionären Stils, aber auch, dass er ihm nicht mehr gewachsen war. Er wirkte zunehmend depressiv, klagte über Schwere in den Fingern, zog sich aufs Land nach Samois in der Nähe von Paris zurück, verlegte sich aufs Malen und Angeln. Er starb am 16. Mai 1953 mit nur 43 Jahren an den Folgen einer Gehirnblutung. Trotz chronischer Kopfschmerzen hatte der Musiker eine ärztliche Behandlung hartnäckig ablehnt. Zu Djangos Beerdigung kamen mehr als 2000 Trauernde, Zigeuner wie Jazzmusiker, die spätestens an seinem Grab erkennen mussten, dass der umstrittene Luftikus für sie eine völlig neue Sprache erfunden hatte. Jazz in Europa: das ist heute eine völlig eigenständige, fantasievolle von überholten Konventionen weitgehend befreite Kunstform.

Die Tür dazu hat Django Reinhardt geöffnet

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